Brief des Novizenmeisters an Bruder Lev von Sept-Fons

Lieber Bruder Lev,

Du wirst feststellen, dass ein Novizenmeister in der Regel sein Amt nur etwa sechs Jahre ausübt. Danach bittet er entweder um seine Entlassung aus diesem Amt oder er hat einen Zusammenbruch, unabhängig davon, ob er Novizen hat oder nicht.

Die Aufgabe des Novizenmeisters erfordert viel Losgelöstheit und vor allem darf er keine Selbstachtung haben. Die Selbstachtung muss er ablegen und dem bisschen, das davon noch bleiben sollte, wird heftig zugesetzt werden.

Der Novizenmeister sollte sich nur in Ausnahmefällen um die erste Einschätzung der Berufungen kümmern, die im Gästetrakt erfolgen sollte. Deshalb bedarf es im Gästetrakt Männer mit Urteilsvermögen. Du Novizenmeister wirst vor Postulanten stehen, die Mönche werden wollen.

Wenn ein Postulant eintritt, der es auch nur ein bisschen ernst meint, müssen wir ihm gegenüber Ehrfurcht zeigen, denn Gott selbst hat ihn zu uns geführt. Der Novizenmeister darf sich nicht sagen: „Er ist gut, er ist sympathisch, ihn behalte ich“ oder auch: „Ihn will ich nicht“. Man behält einen Novizen nicht aus Gründen der Sympathie, sondern weil Gott ihn zu uns geführt hat und weil er uns dazu in der Lage scheint, ein Leben im Kloster zu führen.

Neben einem gewissen psychischen Gleichgewicht muss sein Wunsch zu beten den Ausschlag geben. Dieser Wunsch bildet die Basis für alles Weitere. Man muss ihm zeigen, dass es der geheimnisvolle Ruf Gottes war, der ihn zu einem zurückgezogenen, verborgenen Leben geführt hat. Er muss begreifen, dass er das große Opfer des Apostolats (Werke, Tätigkeiten, Einwirken...) für das einzige Apostolat des Klosterlebens erbringen muss: das Gebet; das heißt den Gottesdienst, die Lectio, die Oration, ein Leben der Nähe und Freundschaft zu Unserem Herrn und der Heiligen Jungfrau. Ich habe festgestellt, dass Brüder, die zu Beginn ihrer Ausbildung für diese demütige spirituelle Wirklichkeit nicht empfänglich waren, stets ein schwaches klösterliches Leben führen. Sie werden sich diesbezüglich in einer schwierigen Situation befinden, was zu Bitterkeit, Verbitterung und Reue führen kann. Der bittere Ausspruch von Dom Jean-Baptiste Chautard ist aktueller denn je: „Die Gottlosen des Klosters“, diese Männer, [...] die sich für einen Weg entschieden haben, dessen Herausforderungen sie nicht annehmen.

Der Weg zum Einssein mit Gott ist asketisch und steinig. Man muss den jungen Bruder damit vertraut machen, ihn führen, ihn behutsam dazu bringen, bestimmte Opfer konkret zu erbringen, das Getrenntsein von seiner Familie eingeschlossen.

Dieses Konzept scheint klar und einfach. Die Postulanten stimmen dem nahezu immer zu, aber die Umsetzung ist dann doch etwas Anderes. Der Novizenmeister muss auf herzliche Art sehr entschieden sein. Das ist nicht leicht, denn mit ihm, mit ihm als Gegenüber, wird sich der junge Mönch heranbilden, mit seiner Vergangenheit abrechnen und... mit seinem Vater! Diesen Weg müssen alle gehen.

Du wirst bemerkenswerte, ruhige, ausgeglichene Postulanten, Novizen haben; aber das ist nicht die Mehrzahl. In seiner Regel sagt der heilige Benedikt: „Gleich wer du bist...“ Das ist die große Masse, die an die Klosterpforte klopft, auch wenn die klösterliche Berufung in der Kirche selten ist.

Alle werden eines Tages durch diesen „Kampf mit dem Engel“ hindurch müssen, das heißt, mit sich selbst, mit dem Fürsten dieser Welt und mit Gott. In diesem Moment wirst Du ihnen zur Seite stehen müssen, aber ohne Demagogie, und da wirst Du die meisten Schläge einstecken müssen. Diesen Weg müssen alle gehen. Dann entziehen sich häufig die Novizenmeister... denn die Schläge, die sie einstecken müssen, können hart sein. Der Bruder, der diesen Kampf durchlebt, schlägt wie ein Ertrinkender um sich und kann die Heftigkeit seiner Reaktionen nicht mehr abschätzen.

Der Novizenmeister muss nicht unbedingt ein Heiliger, aber eine erfahrene Leitfigur sein. er sollte den Brüdern, die ihm anvertraut sind, lediglich einige Längen voraus sein. Er muss den Weg gut kennen, ihn in alle Richtungen ausloten. Deshalb wird die Praxis des Klosterlebens für Dich wichtiger sein als Dein Amt als Novizenmeister. Ein Novizenmeister, der ständig im Gästetrakt hockt, der überall herumläuft [...], der nicht regelmäßig der Mette beiwohnt, ist keine Leitfigur, sondern ein Statist.

Sei gewiss, dass Du Hilfe und Unterstützung erfahren wirst, so wie auch ich Hilfe und Unterstützung durch den Vater Abt, durch Pater Hieronymus, Pater Ludwig [...] erfahren habe. Insbesondere der Vater Abt hat mich in Momenten unterstützt, in denen sich ein Freund entzogen hätte. Auch Du wirst Hilfe erfahren [...]. In Sept-Fons hast Du bereits Brüder und Freunde.

Du hast die Fähigkeit dazu, Novizenmeister zu sein. Wie ich bist Du kein Adler; Du bist ein guter Zweiter. Du bist jung, ausgeglichen, besitzt Urteilsvermögen und bist bereits ein wahrer Mönch. Entwickle Deine Festigkeit, Stabilität und Deinen Kämpfergeist weiter. Stelle sie in den Dienst Unseres Herrn und der Brüder.

Sei niemals schwach. Sei taktvoll. Sei den Brüdern nahe. Aber sei mit ihnen nie zu vertraut. Die Gnade in ihrem Herzen ist mächtig.

Gewähre Deine Freundschaft jenen, die sie verdienen, denn sie brauchen sie. Entziehe sie nicht jenen, die durch die Prüfung ins Wanken geraten oder die sich gar entfernen [...]. Bewahre das Gedenken an Brüder, die gegen ihren Willen das klösterliche Leben aufgeben mussten. Jeden Tag erwähne ich diese Männer, die manchmal seit über dreißig Jahren aus unserem Leben verschwunden sind, in meinem Gebet in Gedenken an die Lebenden, wenn ich die heilige Messe feiere. In diesem Augenblick sind sie in meinem Herzen sehr präsent. Verweigere Deine Freundschaft den Weichlichen, jenen, denen es an Rechtschaffenheit mangelt...

Lehre die Brüder mit ihrem Eintritt, dass sie Mönche werden, um Gott zu preisen und die Seelen zu retten. Alles andere: die göttliche Freundschaft, das menschliche Gleichgewicht, selbst das Glück werden ihnen in dem Maß zuteil, wie sie ihr Herz Unserem Herrn schenken.

Wenn Du Diakon geworden bist, bereite in Dir das Herz eines Priesters vor. Das wirst Du brauchen, um Novizenmeister zu sein. Ich habe mir Vater Hieronymus zum Vorbild genommen.

Wenn ich mich abends im Schlafsaal zur Ruhe lege, steht an meinem Bett ein Bild der Heiligen Jungfrau. Jeden Abend schlüpfe ich, stelle ich mich im Geiste „unter den Mantel von Maria, unserer Lieben Frau“ (Papst Franziskus). Mache es ebenso.